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Was früher das „Kaiserwetter" war, ist heute das „MBC-Wetter", d. h. blauer Himmel und Sonnenschein – und das ist bei unseren Festen schon gute Gewohnheit geworden und erscheint uns als Selbstverständlichkeit. So war es auch kein Wunder, daß am Samstag, den 30. April 1966, die Sonne vom wolkenlosen Himmel schien, am Tag, als wir unsere „Rheinschnook" zu Tal holten.
Kurze Rückblende: Es war am 28. Januar 1966, als uns unser Clubfreund Peter Hebel von der Absicht der Familien Mellein-Jung, das Wohn- und Wirtschaftsschiff „Rheinschnook" zu verkaufen, informierte. Sofort waren wir von der Idee besessen, das uns allen gut bekannte Schiff für uns als schwimmendes Clubheim zu erwerben. Rudolf Joeckle, Magnus Gruber, Richard Fortmann und Peter Hebel nahmen als Beauftragte unseres Clubs die ersten Verkaufsgespräche auf, die für beide Seiten befriedigend verliefen.
Nun mussten wir sehen, wie wir die Finanzierung über die Bühne bringen konnten. Aber auch dieses Problem war nach vielen Verhandlungen und dem Beschluss einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, eine Club-Umlage zu erheben, bald gelöst. Erneut ging eine Delegation zu Verkaufsverhandlungen an Bord der „Rheinschnook". Es wurde zäh, aber von beiden Seiten fair verhandelt, bis man nach etlichen Stunden handelseinig war und den Vertrag unterzeichnen konnte. Feierlich überreichte der Schatzmeister den Scheck mit der geforderten Kaufsumme: das Wohn- und Wirtschaftsschiff „Die Rheinschnook" war unser, dem 1. Motorbootclub Speyer!
Frau Bina Jung, die Tochter von Adam Mellein, überreichte uns die Schiffspapiere und das Schiffsattest Nr. 153, ausgestellt von der Bayr. Schiffsuntersuchungs-Kommission Speyer. Einige Eintragungen aus diesem Attest seien hier wiedergegeben: Ort der Erbauung: Hans-Wörth 1911, Tragfähigkeit: 13 Tonnen, Länge 26.90 Meter, Breite 4.78 Meter. Weiter heißt es: „Das vorseits beschriebene Schiff ist von der unterzeichneten Schiffsuntersuchungskommission in allen Teilen und Zubehör untersucht, in ihr Schiffsverzeichnis unter Nr. 153 eingetragen mit der in beladenem Zustande zulässigen tiefsten Einsenkung in nachfolgend aufgeführter Weise bezeichnet, sowie mit der im folgenden Verzeichnis angeführten Ausrüstung und Bemannung für die Rheinschifffahrt auf der Strecke von Basel bis ans Meer für tauglich befunden worden." Auf der Ausrüstungsliste finden wir u. a. folgende Gegenstände verzeichnet: 1 Pferdeleine, 2 Mehrtaue, 1 Sprachrohr, 1 Signalböller, 1 Leckkleid, 2 Schoore, 1 Kiste mit Heilmitteln, 1 Blechplakat betr. Wiederbelebung anscheinend Ertrunkener. Die Bemannung sieht außer dem patentierten Kapitän einen Matrosen und einen Schiffsjungen (Schmelzer) vor. Das Attest wurde von der Bayr. Schiffsuntersuchungs-Kommission Speyer am 20. November 1929 ausgestellt. Die Kosten betrugen 31 Mark und 10 Pfennig ...
Nun aber wieder zurück zum 30. April 1966. Schon früh am Morgen war unser „Uberführungskommando" zur Stelle. Es waren dies: Rudolf Joeckle, Magnus Gruber, Richard Fortmann, Peter Hebel (unsere Bilder) und von der Schiffswerft Braun „ausgeliehen": Schorsch Hümmer und ein patentierter Rheinkapitän und last not least unser Clubfotograf Armin Bortoluzzi. Das Motorgüterschiff „Schwalbeneck" machte bereits die Trossen an der „Rheinschnook" fest. Inzwischen waren Pioniere zur Stelle, die mit einem schweren Kranwagen den Zugangssteg zum Schiff an Land hievten. Die Anker, die die gute „Rheinschnook" schon seit Jahren dem Strom trotzen ließen, wurden gelichtet ... das Schiff schwamm frei und hing nun an den Trossen seines Vorspannbootes. Wir waren inzwischen an Bord gegangen samt einem Kasten kühlen Bieres. Die Fahrt konnte beginnen.
An Land standen die Familien Mellein und Jung, um ihrem Schiff ein letztes Lebewohl zu sagen, um es noch einmal am altvertrauten Platz liegen zu sehen. Es war kein leichter Abschied - auch für uns nicht, als wir Oma Mellein herzzerreissend weinen sahen ... Ein letztes Winken, die „Schwalbeneck" zog an, die Trossen strafften sich: wir fuhren! Nach kurzer Bergfahrt drehte unser Schleppzug über backbord talwärts. Unser Kapitän hatte die Ruderpinne auf dem Achterdeck fest in den Fäusten und wurde nach Kräften von uns, der Besatzung, als Rudergänger unterstützt . An Land wurden die Tücher geschwenkt und gewinkt: Adieu und gute Fahrt!
Wir hatten „unser Schiff" über alle Toppen geflaggt und am Heck wehte stolz unsere Clubfahne im frischen Morgenwind. Zwischenzeitlich hatten wir noch „Geleitschutz" bekommen. Voran fuhren unsere Freunde von der Wasserschutzpolizei, die mit dem Polizeiboot die Großschiffahrt wahr-schauten, damit sie uns nicht zuviel Wellen vor den Bug schieben sollten. Achterlich fuhr eine Eskorte unseres Clubs, nämlich „Albatros", „Passat", „Ranger" und „Hugo", deren Kapitäne aus Leibeskräften filmten und fotografierten. Wir kamen uns vor wie ein Mutterschiff ...
Vor kamen wir uns aber auch wie die kleinen Jungen: während der Fahrt unternahmen wir einen Streifzug durchs ganze Schiff. Bald schaute einer aus „dem Keller", bald aus der Küche, dem Wirtschaftsraum oder dem idyllischen Zimmerchen im Achterdeck. Wir ergriffen Besitz von unserem Schiff, bis wir uns endlich alle vor dem Dreesen im Wirtschaftsraum zusammenfanden und uns lautstark mit unseren Bierflaschen zuprosteten. Nicht ohne dabei wiederholt gegenseitig zu versichern, daß das Schiff nun uns gehöre und wir tatsächlich den Rhein hinabschwimmen würden.
Es war eine Fahrt, die von uns aus noch viel länger hätte dauern können. Viel zu rasch gings zu Tal. Schon hatten wir die Rheinhauser Fähre passiert, den Salmengrund und da tauchte der Dom und Speyer in der Ferne auf. Von der Brücke herab winkten uns Ernst Billmeier und Alois Rottach von der Wasserschutzpolizei, wir dankten mit einem dreifachen Hurra! Bald bogen wir ins Reffenthal ein, nachdem unser „Zug" vorher aufgedreht hatte; kein einfaches Manöver. Aber was soll's? Wir waren ja alte Fahrensleute . . .
Schnell war der neue Liegeplatz für unser Clubschiff erreicht und gar bald saßen die Anker und die Trossen: Die „Rheinschnook", das Clubschiff des 1. Motorbootclub Speyer lag fest vor Anker. Die Clubfreunde strömten herbei und besichtigten unsere Neuerwerbung. Klar, dass so mancher Humpen Kurpfalz „Reffenthaler" noch an diesem denkwürdigen Tag und in der Nacht zum 1. Mai durch die durstigen Skipperkehlen rannen. |